Japan: Öffentlicher Raum anders gedacht

Bildnachweis: dr. dr. üsé kuba hausmann, Fujikawaguchiko, Mount Fuji, Oktober 2026
Dass «Land und Leute» je nach Destination anders sind, ist ein Fakt. Binsenwahrheiten, Stereotypen und Klischees sind jeweils hüben wie drüben omnipräsent und unvermeidbar. Japan macht hier keine Ausnahme. Davon handelt dieser Beitrag (nur teilweise) oder gar nicht. Dafür finden sich ein paar Beobachtungen zur Organisation und Strukturierung des öffentlichen Raumes. Die Reihenfolge der aufgeführten Punkte ist zufällig.
Polizeipräsenz: Im öffentlichen Leben sieht man wenig bis keine uniformierten Polizeibeamten. Dafür finden sich zahlreiche kleine Polizei-Häuschen. Sie sind mit «Koban» beschrieben. Sie sind rund um die Uhr besetzt. Das dortige Personal gibt Auskunft und ist Anlaufstelle bei Problemen. Das gefühlte Niveau an Sicherheit ist daher durchgängig hoch.
WC-Anlagen: Die schiere Anzahl von öffentlichen WC-Anlagen in Japan muss immens sein. Viele von ihnen sind mit den legendären Dusch-WCs ausgestattet. Selbst in abgelegenen Regionen sind komfortable WC-Anlagen häufig anzutreffen. Im ganzen Land sind die Symbole für Frauen-WCs in rot gehalten, diejenigen für Männer in blau. Der Clou: Die WC-Anlagen sind picobello sauber und GRATIS für alle Benutzerinnen und Benutzer. Und ja, in Japan habe ich als Hobby-Fotografie die eine oder andere Toilette aus ästhetischen Gründen fotografiert. Auch solche Zweckbauten, die von Tadao Ando entworfen wurden.
Schliessfächer: Sämtliche Bahnhofe, Bus- oder Metrostationen oder Ausgangspunkte für touristische Attraktionen bieten Schliessflächer an. Das ist äusserst angenehm für Menschen mit sperrigem Gepäck, die einen Abstecher ohne Ballast machen möchten. Da hat jemand an die Ad-hoc-Bedürfnisse von Reisenden gedacht.
Wegweiser: Hinweisschilder aller Art erleichtern die Wegfindung ungemein. Sie widerspiegeln die Erfahrungen von unzähligen Akteuren, die sich in derselben Situation befunden haben. Erfahrungswissen wird allen Akteuren quasi gratis zur Verfügung gestellt. Neben den Hinweisschilder (wo, was, wann oder wie) ist gefühlt das ganze Siedlungsgebiet mit Warnhinweisen überzogen. Darunter leidet m. E. mitunter auch die Ästhetik. Aber die Suva könnte mutmasslich ihre Freude daran haben.
Schlange stehen: Müsste man das Verhalten der Menschen in Japan auf ein einziges Muster reduzierten, dann dasjenige der kontrollierten Wartens in der Reihe. Überall ist klar kommuniziert, wann was passieren wird: Wann können Tickets am Schalter gekauft werden? Wann beginnt das Boarding eines Buses oder eines Schiffs? Etc. Durch diese Pufferzeiten können allfällige Turbulenzen im Prozessablauf elegant aufgefangen werden. Es wird beispielsweise vorgängig geprüft, ob alle Wartenden ein gültiges Ticket besitzen und am richtigen Ort warten. Hektik gibt es hier nicht.
Fussgängerinnen und Fussgänger: Auf den Strassen Japans hat der Fussverkehr absolute Priorität. Bei zahlreichen Strassenüberquerungen mit Zebrastreifen oder bei Einfahrten zu Baustellen sorgt zusätzlich zur Signalisation ein Mensch vor Ort dafür, dass das Fussvolk die jeweilige Passage ohne Stress und sicher passieren kann. Mehr Dienstleistung geht nicht.
Abfallmanagement: Der öffentliche Raum im japanischen Siedlungsgebiet kommt sauber und gepflegt daher. Überall wird geputzt und mit dem Staubsauger der letzte Staub entfernt. Abfallkörbe gibt es, aber sie sind eher rar. Ein striktes Abfalltrennsystem wird rigoros umgesetzt. Die Abfallbehälter sind fast immer transparent. (Der Grund: Geht auf ein Attentat zurück). So erkennt man von aussen, ob sich im jeweiligen Abfallbehälter etwas «Falsches» oder «Verdächtiges» befindet. In Bussen findet sich Hinweisschilder mit Botschaften wie «Take your trash with you». Fährt man mit den legendären Shinkansen-Zügen sammeln Angestellte der Eisenbahnlinien während der Zugfahrt allfälligen Abfall von den Reisenden ein. Damit ist aber nicht gesagt, dass in Japan wenig Abfall produziert wird. Eher scheint mir das Gegenteil der Fall zu sein.
Getränkeautomaten: Verdursten im öffentlichen Raum ist in Japan eigentlich unmöglich, es sei denn, man hat kein Kleingeld (Cash oder Digital) bei sich. Die Präsenz und die räumliche Dichte von solchen Automaten ist so beeindrucken und ungewohnt wie legendär. Das Angebot reicht von eisgekühlten bis heissen Getränken. Die eigene Thermosflasche kann man auch bei ausgedehnten Wanderungen getrost zu Hause lassen.
Die Moral der Geschichte: Der öffentliche Raum in Japan funktioniert strukturell wie eine mechanische Schweizer Uhr à Rolex oder Audemars Piquet. Das Gemeinwohl im individuell-konkreten Fall steht dabei im Zentrum. Das Ganze funktioniert wie ein geschmiertes Räderwerk. Das Konzept ist einfach: Es gibt Regel, wie «man» sich im öffentlichen Raum zu verhalten hat. Und alle Akteure halten sich strikt an diese Regel. So einfach geht das. Dahinter steht ein ökonomisches Konzept. Es heisst Transaktionskosten. Sie werden in Japan als lernende Organisation auf Stufe aller Menschen, die vor Ort präsent sind, minimiert.
PS: Zur Vermeidung von allfälligen Fehlinterpretationen: Der Inhalt dieses Beitrags ist rein deskriptiver und nicht normativer Natur. Die Botschaft ist eine andere: Es gibt auf diesem Planenten mehrere entwickelte Parallelgeschaften auf jeweils hohem Niveau. Japan ist eine davon. Arigatō gozaimasu fürs Lesen.
Quellen:

