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Wohnungsnot als roter Faden der Geschichte

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Zurzeit beschäftigte ich mich mit Walter Benjamin und seinem Essay «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit». Dieser Beitrag stammt aus dem Jahr 1934. Doch in der Bibliothek für Kunstgeschichte an der Universität Zürich lande ich auch bei der Recherche zu Benjamins Arbeit wieder bei Liegenschaften. 

Die April/Mai-Ausgabe der deutschen Zeitschrift von «Tendenzen» von 1972 widmet sich der «Wohnungsfrage heute» einerseits und dem «Städtebau eine Klassenfrage» andererseits. Das machte mich neugierig, zumal sich im Vorwort der Zeitschrift folgender Satz mit Blick auf den Städtebau findet: «Wenn die gesellschaftliche Ökonomie im Argen liegt, ist auch die Ästhetik eine leere Formel (...)». So kann man es nach Brechts Diktum «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral» auch sehen. 


Nachfolgend ist das gesagte Vorwort integral dargestellt. Man beachte die Titel der im Inhaltsverzeichnis aufgeführten Beiträge. Insbesondere der Text von Werner Marschall ab Seite 13 weckte mein Interesse.


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Blättert man zum besagten Beitrag «Mieter, Planer und Konzerne – Sanierung für wen?», stösst man eingangs auf die nachfolgende Passage. Sie stammt von Friederich Engels und entstammt seiner Publikation «Zur Wohnungsfrage». Letztere umfasst knapp 250 Seiten und wurde 1872 erstmals veröffentlich. Das Zitat lautet wie folgt:


  • «Geradeso ist es mit der Wohnungsnot. Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. (...). Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.»


Die Moral von der Geschichte


Aus diesem Zufallsfund in der Bibliothek nehme ich vier Erkenntnisse mit: 

Wer – erstens – die heutige Semantik und Argumentation der politischen Linken in der Schweiz verstehen will, konsultiert vorzugweise die Schriften von Marx und Engels. Dort wird man fündig. Immobilien-Konzerne lassen grüssen. 


Zweitens waren und sind Themen rund ums Wohnen, um die Versorgung mit Wohnraum sowie um den «Wohnungsmarkt» Schlüsselthemen der politischen Linke. Und als neutraler Beobachter muss man anerkennen, dass sie auf dem politischen Parkett diesen Themenkreis geschickt und gut organisiert beackern. Auch wenn auf nationaler Ebene wohnungsaffine Volksiniativen in den letzten 70 Jahren vor dem Stimmvolk nie eine Zustimmung erhielten (Ausnahme Zweitwohnungsinitiative). 


Drittens wirkten damals wie heute dieselben ökonomischen Mechanismen. Die dazugehörige Immobilienökonomie muss nicht neu erfunden werden. Die relevanten Wirkungskräfte sind und bleiben dieselben. Weitere Analysen sind durchaus willkommen, aber ihr Grenznutzen wird marginal bleiben.


Und viertens und letztens werden von der politischen Linke immer wieder dieselben Ladenhüter als vermeintliche Medizin propagiert. So wurde im Frühling 1966 auf Bundesebene das Volksbegehren gegen die Bodenspekulation vom Bundesrat in der dazugehörigen Botschaft behandelt. Die Initiative verlangte mitunter, dass dem Bund und den Kantonen ein Vorkaufsrecht bei Verkäufen von Grundstücken zwischen Privaten hätte eingeräumt werden sollen. Ein klassischer Holzweg. Gleichwohl gilt es anzumerken, dass bis dato der Gordische Knoten für eine individuell-konkret wie volkswirtschaftlich stimmige Koordination von Angebot und Nachfrage vor allem in grossstädtischen Gebieten nach wie vor ein ungelöstes Kardinalproblem von vielen Volkswirtschaften bleibt.


Bemerkenswert, was man bei meinen Besuch der Bibliothek für Kunstgeschichte an der Universität Zürich so alles findet. Der Ausflug war so oder so anregend. Nun sollte ich mich aber unverzüglich wieder auf das Werk von Walter Benjamin fokussieren.


Quellen:

Tendenzen, Ausgabe April/Mai 1972.


 
 
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