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Von den Gletschern bis zu den Palmen – eine immobilienaffine Zeitreise von 1900 bis heute



Aussichten auf grandiose Landschaften


Seit rund drei Jahren pendle ich öfters zwischen der Stadt Zürich und Poschiavo. Dabei prallen keine zwei Welten aufeinander. Vielmehr lasse ich mich gemächlich von einem Habitat zum anderen bewegen. Die (klimatisierte) Reise mit der Rhätischen Bahn (RhB) ist jedes Mal ein Erlebnis für die Sinne; eine spektakuläre «Kulisse» ist bei jedem Wetter garantiert. Inspiration zum Schreiben ist ebenfalls inklusive.


Nach dem Passieren des Lago Bianco bei der Passhöhe des Berninapasses befindet man sich im Puschlav, bzw. auf dem Territorium der Gemeinde Poschiavo. Wenige Fahrminuten später folgt die Alp Grüm. Beim dortigen Bahnhof wendet sich mein Blick regelmässig in Richtung Westen hin zum Palügletscher. Fast immer geht mir dabei dieselbe Frage durch den Kopf: Werde ich den zwischen Piz Varuna und Piz Palü gelegenen Bergsattel dereinst als Rentner ganz ohne Eis bedeckt sehen? Wie dem auch sei, nach heutigem Wissenstand scheint es lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis zumindest der Werbespruch für den Bernina Express «Von den Gletschern bis zu Palmen» eine Reminiszenz an ein vergangenes Zeitalter sein wird. Vorerst aber wird der Palügletscher im Puschlav noch eine Touristenattraktion bleiben.


Der oben aufgeführte Aphorismus findet sich bereits in einem Merian-Heft aus dem Jahre 1961. Darin hatte der deutschstämmige Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) einen Beitrag über das Puschlav verfasst. Rund 20 Jahre nach dem Erscheinen dieser Publikation sah ich den Palügletscher erstmals in natura. Und nur wenige Jahre später, im Sommer 1984, fotografierte ich das «ewige» Eis als Gymnasiast mit meiner damaligen Spiegelreflexkamera (vgl. Titelbild).


Mutmasslichen Fehlinvestitionen auf der Spur


Der Klimawandel verändert nicht nur Landschaften und damit Lebensräume für Menschen, Tiere und Pflanzen, sondern auch die Rahmenbedingungen für Immobilieninvestitionen. Zumindest als Arbeitshypothese sollten vorausschauende Investoren dieses Szenario angemessen auf ihrem Radar haben. Im Puschlav bin ich auf drei historische Projektentwicklungen gestossen, die im Rückblick – auch und vor allem aus Investorensicht – glücklicherweise nicht realisiert wurden. Sie, die Bauten und deren Eigentümer, wären eher früher als später im übertragenen Sinn «Opfer» des Klimawandels geworden.

Südöstlich des Palü-Sees erstreckt sich die Hochebene von Cavaglia. Dort liess die Società villeggiature Cavaglia um 1900 mitten in der Pampa ein Hotel und ein Ensemble von Villen planen. Das damals, wie heute peripher gelegene Gebiet sollte mit dieser Projektentwicklung touristisch erschlossen werden. In St. Moritz konnte man zu derselben Zeit Anschauungsunterricht in dieser Disziplin nehmen. Hierbei handelte es sich im konkreten Fall aber um ein besonders wagemutiges Unterfangen. Weshalb? Die Bernina-Bahngesellschaft wurde (erst) 1905 gegründet. Daher dauerte es weitere fünf Jahre, bis die Hochebene an die Strecke der damaligen Bernina-Bahn angeschlossen war. Ab 1910 führte sie von St. Moritz via Alp Grüm und Cavaglia nach Poschiavo. Nach architektonischen Studien versandte das Projekt ohne dass namhafte Gebäude gebaut worden wären.


In der Zeit der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg kam die hiesige Tourismusindustrie im Alpengebiet mächtig in die Gänge. Dort setzte ein grossräumiger Bauboom ein. Ab Mitte der 1960er-Jahre befeuerte die Einführung des Stockwerkseigentums diese Entwicklung zusätzlich. So vermag es nicht zu erstaunen, dass die damalige Lagalbbahn AG, die sowohl von der der Bernina-Passstrasse als auch von der RhB verkehrstechnisch erschlossen wurde, anfangs der 1970er-Jahre namhafte Ausbaupläne hegte. Die NZZ schrieb dazu folgendes:


«… Unter dem Titel “Zukunftsmusik“ kündigt sie [die Lagalbbahn] (…) an, es bestehe die Absicht das unmittelbare Einzugsgebiet zu einer einzigen Region Lagalb-Bernina-La Rösa auszubauen, (…)».

Neben einem Ausbau der Bergbahnen am Südfuss der Lagalb war im obersten Teil der Gemeinde Poschiavo die Realisierung «eines Ferienzentrums mit allem Drum und Dran» vorgesehen gewesen. Gemeint war das Zentrum «Li Mason 2000». Es hätte Übernachtungskapazitäten für 2'000 bis 3'000 Feriengäste geboten. Die Opposition gehen dieses Projekt war gross und breit abgestützt. Schon damals warnten Kritiker, dass die dortige Schneesituation wenig nachhaltig sein dürfte. Die einschlägige Projektentwicklung versandete wenige Jahre später.


Ebenfalls anfangs der 1970er-Jahre formierte sich in der Gemeinde Poschiavo ein lokales Initiativkomitee. Es bekundete Interesse an der Realisierung und am Betreiben von Skiliften und Sesselbahnen auf Gemeindegebiet. Die Sesselbahn hätte 2'186 Meter über Meer auf dem Piz Pilinghel geendet. Die zuständigen kommunalen Behörden standen dem Ansinnen offen und wohlwollend gegenüber. Es folgten Machbarkeitsstudien mitunter durch die renommierte Ingenieurunternehmung Elektrowatt sowie regionalökonomische Abklärungen durch spezialisierte Berater. An die zuständigen Stellen des Bundes und des Kantons Graubünden wurden Konzessionsgesuche eingereicht. Es folgte ein bürokratischer Hürdenlauf. Er dauerte mehr als zehn Jahre. Im Herbst 1985 schrieb das zuständige Bundesamt für Verkehr den Projektverantwortlichen in Poschiavo einen Brief. Diesem Schreiben liess sich entnehmen, dass die Behörden eine Konzessionserteilung als wenig wahrscheinlich erachten würden. Anschliessend herrschte Funkstelle. Das Projekt wurde still und leise versenkt, sprich es materialisierten sich «sunk costs».


Die Moral von der Geschichte


Dieser kleine wirtschaftshistorische Streifzug rund um das Gebiet des Palügletschers macht einmal mehr deutlich, dass – aus welchen Gründen auch immer – nicht realisierte Projektentwicklungen im Rückblick einen Segen darstellen können. Dies gilt sowohl individuell-konkret für die Projekturheber als auch für generell-abstrakt für alle mutmasslichen «Stakeholder».


Weshalb? Wenn man sich das beschleunigte Schrumpfen der Gletscher im Alpenraum vor Augen führt, braucht es wenig bis keine Fantasie, dass ein Wintertourismus im grossen Massstab im Puschlav – einem Bündner Südtal – weder eine nachhaltige Grundlage gehabt hätte noch dem Prinzip der Nachhaltigkeit gerecht geworden wäre. Vielmehr hätten sich allfällige Bauten dereinst als happige Fehlinvestitionen mit Ansage erwiesen.


Das Beste zum Schluss: Die 1904 im Puschlav gegründete Kraftwerke Brusio AG realisierten im Tal pionierhaft Wasserkraftwerke. Sie, die Kraftwerke, zählten damals zu den grössten ihrer Art auf dem Kontinent. Die Basler Bank Sarasin zählte zu den massgeblichen Kapitalgebern der Gesellschaft. Heute spräche man finanzierungstechnisch wohl marktschreierisch von «Green Bonds». Effektiv handelten alle involvierten Akteure lupenrein nach ESG-Kriterien avant la lettre. All dies erfolgte ohne staatlichen oder moralischen Imperativ, sondern aus unternehmerischer Überzeugung und Weitsicht heraus. Ob die gegenwärtig mit Hochdruck im hiesigen Alpenraum lancierten Projekte für Solaranlagen analoge Erfolgsgeschichten schreiben werden, steht in den Sternen.

Quellen:


Bundesarchiv Bern: Dossiers E3270C#2001/151#2613* und E8100C#1997/164#102*

Bündner Tagblatt, Nr. 284 vom 4. Dezember 1973.

Merian, Das Engadin, Heft Nr. 8, August 1961.

Neue Zürcher Zeitung, Nr. 345 vom 28. Juli 1973.

https://www.repower.com/gruppe/%C3%BCber-uns/geschichte/

https://www.srf.ch/news/schweiz/alpine-solaranlagen-solaranlagen-in-den-alpen-jetzt-wird-es-konkret

https://www.valposchiavo.ch/de/eintauchen/von-den-gletschern-zu-den-palmen-in-25-km/148-von-den-gletschern-zu-den-palmen


Fotoquellen:


ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Kopp, Hugo / PK_001647 / https://ba.e-pics.ethz.ch

Üsé Hausmann; dr. urs hausmann strategieberatung


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