Empirisches Arbeiten ist das Gebot der Stunde – ein Lob auf Daten


Heute startet mein neuntes Jahr im selbstgewählten Home-Office. Unter normalen Umständen wäre diese persönliche Realität nicht einmal eine Randnotiz wert. Aber was ist heute schon normal? War ich mit dieser Arbeitsform im Jahre 2012 noch eher die Ausnahme von Regel, mutierte das Home-Office in diesen Tagen zum temporären Massenphänomen. Diese geänderte Verhaltens- und Arbeitsweise bilden nur eine von fast beliebig vielen unerwarteten Facetten, die die Corona-Krise bisher mit sich gebracht hat.

Die Corona-Pandemie selbst kann als faktische Kulisse für ein fast weltumspannendes Labor verstanden werden. An allen Ecken und Enden passiert viel. Und es lassen sich neue Erfahrungen sammeln. Dazu gehört beispielsweise das Schlangestehen vor Läden.Mich als Hausmann würde es beispielsweise brennend interessieren, mit welcher mittleren Wartezeit beim Schlangenstehen vor einer Migros- oder Coop-Filiale zu rechnen ist. Gibt es Unterschiede? Neue Fragestellungen und Erkenntnisse entstehen – wie neue Irrtümer auch – am Laufmeter. Die Krise und der damit verbundene Lockdown sind äusserst lehrreich, zumal solche Ereignisse in diesem Massstab mehr als rar sind. Aber anders als in konventionellen, professionell geführten Labors herrschen keine entsprechenden Bedingungen. Denn das wirkliche Leben in der Krise hält sich nicht an Standards, die bei wissenschaftlichen Experimenten einzuhalten wären. Im gegenwärtigen Krisenmodus zeigt sich zudem fast täglich, dass das sogenannte Undenkbare eben doch denkbar ist (was es eigentlich schon immer war; aber es mangelte schlicht an Fantasie). Mehr noch. Das «Undenkbare» ist real und verändert unsere angestammten Denk- und Handlungsmuster bewusst oder unbewusst.

Aus strategischer Sicht betrachtet erinnert uns die Krise mitunter an etwas Banales: Wir lebten und leben schon immer in einer VUCA-Welt. Das Akronym «VUCA» steht für Volatilität (volatility), Unsicherheit (uncertanity), Komplexität (complexity) und Mehrdeutigkeit (ambiguity). Oder anders formuliert lässt sich die Welt nicht in ein Schwarz-Weiss-Schema drängen. Es sind fein nuancierte Graustufen, die oftmals den Unterschied ausmachen. Das gilt auch und vor allem für die Wissenschaft. In den vergangenen Monaten wurde oftmals auf wissenschaftliche Studien oder solche Erkenntnisse verwiesen. Das zu beobachtende Muster war durchgängig dasselbe: Es wurden die Ergebnisse von Studien zitiert oder in die Runde geworfen. In der Regel blieb der dazugehörige Kontext meistens unerwähnt. Dabei ist es eine erkenntnistheoretische Binsenwahrheit, dass der Kontext für eine schlüssige Interpretation von wissenschaftlich gewonnenen Ergebnissen oftmals essentiell sein kann.

Kommt hinzu, dass Wissen keine statische Grösse ist, sondern sich im Laufe der Zeit entwickelt und verändert. Es gibt (hoffentlich) Fortschritt. Gesichertes Wissen kann also im übertragenen Sinn eine Halbwertszeit besitzen. Pointiert formuliert widerspiegelt das jeweils vorhandene Wissen den aktuellen Stand des Irrtums. So besteht die Aufgabe der Wissenschaft nicht darin, etwas zu beweisen. Vielmehr geht es darum, zu versuchen, qualifizierte Hypothesen zu fal­si­fi­zie­ren. So sollte es eigentlichen niemanden überraschen, dass anerkannte Expertinnen und Experten in ein und derselben Sache unterschiedliche Standpunkte oder Lehrmeinungen vertreten. Dissens und nicht Konsens ist der wissenschaftliche Normalfall. In diesem Zusammenhang gilt es an ein Bonmot des britischen Philosophen und Mathematikers Bertrand Russell (1872-1970) zu erinnern: «Wenn alle Experten sich einig sind, ist Vorsicht geboten.» Es grenzt – nicht nur in Zeiten von Corona – an Naivität, zu glauben oder zu erwarten, dass die «Wissenschaft» auf Knopfdruck pfannenfertige Antworten auf drängende und akute Probleme liefern kann. Die Wissenschaft soll denken, forschen und lehren, nicht aber entscheiden. Ein Nebenschauplatz: Wer als Wissenschaftler Mühe mit dem Primat der Politik und deren Funktionsweise hat, sollte entweder selbst in die Politik gehen oder aber schweigen.

Was ist die Moral von der Geschichte? Die herrschende Seuche und der damit verbundene wirtschaftliche Lockdown sind historisch zwar nicht einmal, aber sie bieten einer ganzen Generation von Wissenschaftler und Forschern wohl (hoffentlich) einmalige Chance einen ausserordentlichen Status einer Gesellschaft, eines Systems (!) und einer Volkswirtschaft zu untersuchen und zu erforschen. So bleibt die Hoffnung, dass diese Chancen ohne Zeitverzug am Schopf gepackt werden. Insbesondere böte sich die Schweiz mit ihren föderalen Aufbau und Strukturen fast idealtypisch dazu an, unterschiedliche Lockerungsregime und deren Auswirkungen mit wissenschaftlichen Methoden zu evaluieren. Auf kleinem Raum existiert ein Mikrokosmos, der sich durch seine Vielfalt auszeichnet. Eine Besonderheit, die es zu nutzen gilt. Der sogenannte Kantönligeist und die damit verbundene Heterogenität besitzen manchmal durchaus einen gewissen Charme. Aber Achtung: Dabei handelt es sich nicht um klassische Experimente, die sich beliebig wiederholen lassen. Der Reiz liegt gerade in der Seltenheit und der Nicht-Reproduzierbarkeit der Übungsanlage. Daher ist es ratsam bzw. unerlässlich, dass dem Gedankengut der Empirie entsprechend, ab sofort mit dem Sammeln und Erfassen von qualitativ hochwertigem Datenmaterial begonnen wird. Sei es an dieser Stelle rein aus didaktischen Gründen an das eingangs erwähnte Schlangenstehen erinnert. Nur wenn die angepeilte Rückkehr zur Normalität parallel wissenschaftlich (das gilt für alle Disziplinen) begleitet wird, dürfte man dereinst auch das Datenmaterial besitzen, das dazu beitragen kann, dass aus einer Terra incognita eine Terra cognita wird. Es wäre bedauerlich, wenn solche wissenschaftliche Begleitungen von nicht reproduzierbaren Prozessen in der Hitze des Gefechts vergessen gehen würden. Man denke nur etwa an die verschiedenen Konzepte, um den angestammten Schulbetrieb wieder zu animieren.

Zum Schluss noch dies: Die ausserordentliche Lage mag die Lehre an Hochschulen einschränken und Vorlesungen mit einer physischen Präsenz von Studierenden gar verunmöglichen. Aber sie, die Ausnahmesituation, ist kein stichhaltiges Argument, sich bei Forschungsprojekten in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm zurückzuziehen. Im Gegenteil. Erst recht gilt es jetzt, die Ärmel hochzukrempeln. Es lohnt sich.

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