Lage, Lage, Lage: Kartografische und luftbildbezogene Zeitreisen im Zeitraffer

Seit sieben Jahren, elf Monaten und zwei Tagen mache ich Home-Office. Freiwillig und ressourcenschonend. Meine wichtigste persönliche Erkenntnis damit diese Übungsanlage effektiv funktioniert: Disziplin. Eine Binsenwahrheit, die sich freilich ein weiteres Mal zu bestätigen scheint.

 

Mein Thema dieses Beitrags ist aber ein anderes. Vielmehr geht es um die Beobachtung und Wahrnehmung von Raum und Zeit. Fast auf den Tag genau schloss ich vor 24 Jahren meine volkswirtschaftliche Doktorarbeit ab. Darin untersuchte ich die Innovationsfähigkeit von Dienstleistungsunternehmen in Verbindung mit ihrem physischen Unternehmensstandort. Die Schnittstelle zwischen Unternehmensstandort, individueller und kollektiver räumlicher Entwicklung sowie betrieblichen Innovationen zog mich schon damals in ihren Bann. Die Faszination hält bis heute an. In der volkswirtschaftlichen Theoriebildung aber nimmt die Dimension «Raum» in der Regel eine stiefmütterliche Rolle ein. «Ökonomie als Wunderland ohne Raum» wie es von Walter Isard (1919-2010) pointiert ausgedrückt wurde.

 

Bei meinem empirisch ausgerichteten Forschungsprojekt an den Universitäten von St. Gallen und von Reading (UK) hatte ich in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre bereits Zugang zum Internet. Das Modem knirschte jedes Mal beim Einloggen. Auch mag ich mich gut daran erinnern, welche Website ich im Herbst 1992 als erstes angeschaut habe. Viele gab es nicht. E-Mail-Zugriff hingegen war bereits vier Jahre früher für mich als Student eine willkommene Realität. Und Mitte der 1990er-Jahre hatte ich als Doktorand das Privileg, Geographische-Informations-Systeme (GIS) in bescheidenem Rahmen nützen zu können. Es versteht sich von selbst, dass die Businesspläne von «Google Maps» und Konsorten noch nicht geschrieben waren. Gleichwohl war mir zu jener Zeit klar, dass der Zugang, die Analyse und das Arbeiten mit raumbasierten Daten, Bildern und Informationen eine neue Epoche in unzähligen Fachthemen einläuten würde. So kann es nicht erstaunen, dass meine erste Arbeitgeberin «Rauminformation» als Zusatz in ihrer Firma führte. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Heute – ein Vierteljahrhundert später – staune ich (weiterhin) ob der Kreativität einerseits und der Geschwindigkeit andererseits wie neue Anwendungsfelder und einschlägige Apps fast im Stundentakt das Licht der Welt erblicken. Was mein Herz als leidenschaftlicher Wirtschafts- und Rechtshistoriker besonders höherschlagen lässt, sind kartografische und luftbildbasierte Zeitreisen. Sie sind beispielsweise beim Bundesamt für Landestopografie swisstopo adressscharf über die gesamte Schweiz abrufbar:

  

https://www.swisstopo.admin.ch/de/karten-daten-online/karten-geodaten-online/zeitreise-luftbilder.html

 

https://map.geo.admin.ch/?lang=de&topic=swisstopo&bgLayer=voidLayer&X=185466.05&Y=647539.98&zoom=1&layers=ch.swisstopo.swissimage-product&time=1979&layers_timestamp=1979&catalogNodes=1430

 

Wohl nicht nur für nostalgisch veranlagte Zeitgenossen könnte es reizvoll sein, auf der aufgeführten Website eine Adresse aus reinem «Gwunder» einzugeben. Denn just in Zeiten von Home-Office vermag vielleicht ein virtueller Streifzug durch angestammte Gebiete seiner (räumlichen) Biografie das eigene Gemüt zu erfreuen. Räumliche Trends wie Verdichtung oder Zersiedelung lassen sich so im Zeitraffer allemal vor Augen führen.       

 

Quelle:

Hausmann, Urs: Innovationsprozesse von produktionsorientierten Dienstleistungen und ihr räumlich-sozialer Kontext, Diss. St. Gallen, Bamberg 1996.

 

Bildnachweis:

Plan goroda Cjurich [Kartenmaterial], 1:15 000, [Moskva] : [Generalʹnyi Štab], 1952; ZB-Signatur: 5 Lb 08: 11 (Zentralbibliothek Zürich).

 

Buchtipps:

Ewald, Klaus C. et al.:Die ausgewechselte Landschaft : vom Umgang der Schweiz mit ihrer wichtigsten natürlichen Ressource, Basel 2009.

Frey, René L.: Städtewachstum Städtewandel, Basel und Frankfurt am Main, 1990.

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