10-Mio.-Schweiz: zwei steinreiche Gebiete
- 8. Aug.
- 2 Min. Lesezeit

1848 wurde die moderne Schweiz gegründet. 1850 fand die erste nationale Volkszählung statt. Die ständige Wohnbevölkerung betrug damals knapp 2.4 Mio. Menschen. Der Ausländeranteil belief sich in jener Zeit auf rund 3%. Die amtlichen Statistiker zählten für das Puschlav mit den beiden Gemeinden Brusio und Poschiavo knapp 3'900 Bewohnerinnen und Bewohner. Davon entfielen 2'900 Menschen auf Poschiavo, meinem heutigen Wohnort. Das Puschlav liegt südlich des Berninapasses und grenzt ans italienische Veltlin.
Zeitsprung: 176 Jahre später, also heute, das Puschlav 4'600 Seelen. Davon entfallen knapp 3'500 Bewohnerinnen und Bewohner auf Poschiavo. 1950 lebten gut 4'000 Menschen in dieser Gemeinde. Seither kämpfen die beiden Gemeinden Brusio und Poschiavo mit einer anhaltenden Abwanderung. Nur «Dank» der Flüchtlinge aus der Ukraine stabilisierte sich jüngst die Bevölkerungszahl auf tiefem Niveau.
Die Gemeinde Poschiavo erhielt 2025 den renommierten Wakkerpreis. Eine tolle Sache, keine Frage! Aber wären nicht die Tausend Grenzgänger, die an Werktagen aus dem Veltlin kommend im Tal arbeiten, würde sich die lokale Wirtschaft – wenn überhaupt – lediglich im Kriechgang entwickeln. Brusio und Poschiavo gelten nicht überraschend als «ländliche Gemeinden». Hier kommt nicht überraschend weder Wachstumseuphorie noch Wachstumsmüdigkeit auf.
Das Puschlav besitzt mindestens zwei Gemeinsamkeit mit dem wirtschaftlichen Wunderknaben der Schweiz, dem Kanton Zug: Deren Territorien sind erstens mit rund 240 Quadratkilometer identisch gross. Und zweitens sind beide Gebiete «steinreich»! Zwei geografische Gebiete in der Schweiz also, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dazu finden sich nachfolgend ein paar zufällig gewählte und daher nicht repräsentive Kennwerte zur statistischen Unterfütterung. Als ich vor 35 Jahren an der HSG in St. Gallen Umwelt- und Regionalökonomie studierte, sprach man im Fachjargon von räumlichen Disparitäten. Mein Doktorvater, Prof. Dr. Georges Fischer, erforschte diese Materie als einer der hiesigen Pioniere. Damals zählte die Schweiz knapp 6.9 Mio. Einwohner.
Die Moral der Geschichte: Wer unter akutem Dichtestress leitet, findet hierzulande eine reale Gegenwelt. Dort ist die «Welt noch in Ordnung». Herzlich willkommen! Wer sich gerne ein Einfamilienhaus bauen lassen möchte, und dafür bloss wenige hundert Franken pro Quadratmeter erschlossenes Bauland an bester Lager bezahlen möchte, wird im Bündnersüdtal rasch fündig werden. Tönt paradiesisch oder?
Hand aufs Herz: Stell Dir vor, es gäbe nur zwei Wohnstandorte in der ganzen Schweiz zur Auswahl, den Kanton Zug oder das Puschlav. Welchen Standort würdest Du wählen?
Anhang:


