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Einflussreich? Eine Beobachtung bei der Sonntagslektüre


Prädikat «lesenswert» – Ausflug in die Semantik


Am vergangenen Sonntag las ich in der «NZZ am Sonntag» ein Interview zum Klimawandel. Befragt wurde der niederländische Ökonom Richard Tol. Er gehört – Zitat – «zu den einflussreichsten Ökonomen der Gegenwart». Dieselbe Ausgabe der NZZaS war mit einer Beilage bestückt. Letztere stammte von der Swiss Life. Dort fand sich ein Interview mit Monika Bütler. Sie – Zitat – «gilt als eine der einflussreichsten Ökonominnen der Schweiz». In diesem Interview ging es schwergewichtig um Anlageentscheidungen. Inhaltlich fand ich beide Interviews top und daher auch lesenswert. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil ich die darin geäusserten Einschätzungen vollumfänglich teile. Zumindest für mich gab es nichts Widerborstiges, Provokatives, Neues oder Kritisches zu lesen.


Angeregt zum Nachdenken wurde ich stattdessen durch das Attribut «einflussreich». Insbesondere in der «Zunft der Ökonomen und Ökonominnen» – eine so unzeitgemässe wie irreführende Bezeichnung – werden Persönlichkeiten mit ausgewiesenem ökonomischem Sachverstand und/oder mit einschlägigen hochkarätigen Positionen immer häufiger bei ihrer Vorstellung mit diesem Attribut versehen. Kann es sein, dass es inflationär verwendet wird? Und woran misst sich der unterstellte Einfluss?


Realitätscheck und Diagnose: Prediger in der Wüste


Nüchtern betrachtet haben die gefragten Exponenten oftmals Fundiertes, Interessantes und Gewichtiges zu berichten. Keine Frage. Doch ihre Botschaften werden – leider – selten gehört. Zudem findet weder eine angemessene Transmission in die Wirtschaftspolitik noch eine nennenswerte Verhaltensänderung der Akteure statt. Ökonomisches Gedankengut erzielt selten Wirkung.


Thematische Paradebeispiele sind hierzulande ökonomische Analysen und Rezepte zum finanziell «kranken» Gesundheitswesen, zu den finanziell angeschlagenen Sozialwerken oder zum Erreichen einer kohärenten Umwelt- und Energiegesetzgebung. Das Ganze mündet im Kern in einem Paradox: Sogenannt einflussreiche Ökonominnen und Ökonomen erzielen eben weder eine nennenswerte ideelle noch eine ernstzunehmende reale Wirkung. Ihre Botschaften bleiben in der Regel unerhört. Sie verpuffen. Fazit: Der effektive Einfluss von ökonomischem Gedankengut – nicht aber derjenige von ökonomischen Realitäten – wird je nach politischem Standpunkt – entweder frappant über- oder unterschätzt. Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte unterstreicht diese Einschätzung. Denn bis sich wissenschaftlich fundierte ökonomische Konzepte in der Praxis – bestenfalls – durchsetzen und sie auch implementiert werden, dauert es oft etliche Jahrzehnte.


Die Moral von der Geschichte


Zurück zu Richard Tol und Monika Bütler. Statt sie in ihren Fach- und Wirkungsgebieten als einflussreichste Personen zu taxieren, wären alternative Attribute wie «geistreich», «oft zitiert», «anerkannt», «renommiert», «preisgekrönt», «scharfsinnig» oder «originell» zumindest auf einer entsprechenden sprachlichen Longlist nicht fehl am Platz. Die Verwendung des Wortes «einflussreich» droht zur Phrase zu verkommen. Oder anders formuliert haben beide Interpartner ihr Potenzial als Influencer im übertragenen Sinn bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist.


PS: Über den Sinn und Unsinn von entsprechenden Rankings lässt sich unabhängig von den obigen Ausführungen trefflich streiten. Sicher ist nur eines: Die Aussagekraft in Bezug auf die schwer fassbare Dimension «Einfluss» tendiert wirtschafts- und gesellschaftspolitisch betrachtet gegen null.


Quellen:

NZZ am Sonntag vom 22. Oktober 2023, S. 30.

https://magazin.nzz.ch/nzz-am-sonntag/wirtschaft/das-zwei-grad-ziel-war-von-anfang-an-eine-illusion-ld.1761626

https://www.nzz.ch/wirtschaft/oekonomen-ranking





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