Markttransparenz, Digitalisierung und eine Perle

Krisen sind immer ehrlich und entlarvend. Sie decken echte oder vermeintliche Schwachstellen oder Missstände auf. Daneben sind sie fast immer auch Quellen für Innovationen. Zudem kann man aus Schaden klug werden. Das gilt wohl auch für die herrschende Corona-Krise. Nicht nur in stürmischen und turbulenten Zeiten sind zeitnahe und verlässliche Daten und Informationen das A und das O für Entscheidungen, die Politiker, Unternehmer oder Manager treffen müssen. Aber auch in einer diesbezüglich komfortablen Lage mangelt es nie an Imponderabilien oder an Zwickmühlen bei der Entscheidungsfindung. Das liegt in der Natur der Sache.

 

Heute – auf den Tag genau – vor 24 Jahren begann ich mich professionell als Volkswirt mit dem Schweizer Immobilienmarkt mit all seinen Facetten auseinanderzusetzen. Eine meiner beruflichen Passionen sind standort- und raumbezogene Analysen jeglicher Couleur. Seit April 1996 hat sich in diesem Kontext sehr viel (zum Positiven) in meiner Arbeit getan. Kein Vergleich wie langsam, mühsam und zäh das Sammeln, das Aufbereiten und das Analysieren selbst von überschaubaren Datenbeständen war. Das Ganze lief unter dem Akronym «EDV». Wie sich doch die Zeiten ändern! Heute fühle ich mich vergleichsweise in einem Schlaraffenland, wenn es um den Zugriff auf GIS-basierte Daten geht. Dasselbe gilt für die laufende Digitalisierungswelle in Bibliotheken und Archiven. Einfach ein Traum. Alles wie «Science fiction», nur eben real.

 

Mit Blick auf den Schweizer Immobilienmarkt gibt es diesbezüglich jedoch eine hartnäckige Konstante: Das weitgehende Fehlen von Marktdaten. Dieses systematische Manko gilt in räumlicher, in zeitlicher und in sektorieller Hinsicht. Der Datenstand aus einer marktbezogenen Optik zur volkswirtschaftlichen Ressource «Boden» muss den auch wohlwollend taxiert als ist geringer als marginal. Die einzige nennenswerte Ausnahme bildet das Segment «Wohneigentum», also mit bestehenden selbstgenutzten Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen. Dank etlichen privatwirtschaftlichen Anbietern wurde in den vergangenen knapp 20 Jahren in diesem spezifischen Bereich echte Pionierarbeit geleistet. Die einschlägige Situation an der preislichen Front verdient aus meiner Sicht gar das Prädikat mustergültig. Andernorts hapert es aber nach und seit je gewaltig. Denn insbesondere beim und nach dem Eintreffen von exogenen Schocks und den mit ihnen verbundenen Turbulenzen und allfälligen Verwerfungen wären zeitnahe Marktindikatoren unerlässlich. Selbst die verbürgte Information, dass beispielsweise keine Transaktionen mehr stattfinden, ist wertvoll und allemal besser als ein auf Mutmassungen basierender Blindflug. Was nutzt es den Markteilnehmern, wenn sie «taufrisch» im April 2020 statistisches Material zum Transaktionsmarkt für das Jahr 2018 erhalten?

 

Das mag der Geschichtsschreibung und der Forschung dienen, löst aber keinesfalls einen akuten, chronischen und notorischen Datennotstand. Dass weiss auch die Politik. So werden in der Schweiz seit rund 70 Jahren immer wieder auf der politischen Bühne immer wieder Vorstösse unternommen, damit Transaktionsdaten von Grundstücken öffentlich zugänglich gemacht werden sollen. Man vergleiche das Titelbild dieses Blogs. Fazit: Man wüsste eigentlich, wo der Schuh drückt. Doch die Vorkämpfer bissen bis dato immer auf Granit. Dabei lässt sich ein verlässliches Muster erkennen. Solche und ähnliche Forderungen wurden mit bemerkenswerter Regelmässigkeit immer im Nachgang bei der «wirtschaftspolitischen» Aufbereitung von gesamtwirtschaftlichen Krisen in die Runde geworfen. Sie alle versandeten in der Folge früher oder später sang- und klaglos. Wetten, dass es diesmal nicht anders sein wird?   

 

Zum Schluss möchte ich noch auf eine Perle hinweisen. Für sie gilt einmal der Slogan «Früher war alles besser». Es geht um den Transaktionsmarkt von Grundstücken im Kanton Basel-Stadt. Interessantes Datenmaterial wurde von Theophil Kozak (1852–1913) vorgelegt. In seinem «Bericht über die Erhebung betreffend Liegenschaftenverkehr im Kanton Basel-Stadt» vom Jahr 1899 behandelte er akribisch die Entwicklung der Bodenpreise. Für die Periode von 1868 bis 1893 standen Kozak dafür 1844 Handänderungen zur Verfügung. Die benötigten Angaben stammten allesamt aus dem Basler Grundbuch. Seine Zeitreihen erlaubten so fundierte wie detaillierte Einblicke in den damaligen Basler Transaktionsmarkt. Eine wahre Fundgrube! Bis zum heutigen Tag dürften in der Schweiz lediglich eine kleine Handvoll von Forschern analoge Forschungsprojekte realisiert und darüber im Rahmen von Publikationen berichtet haben. Kozaks Forschungsarbeit muss auch im 21. Jahrhundert keinen Vergleich scheuen. Der Clou liegt aber woanders. Dank den laufenden, massiven Digitalisierungsbestrebungen schlummern solche und weitere Perlen nicht länger in Archiven. Sie lassen sich integral und vollständig auf den eigenen Bildschirm zaubern. Ein Genuss!

 

https://www.e-rara.ch/bau_1/content/titleinfo/22369870

 

Quellen:

 

Hausmann, Urs: Liegenschaften wertgeschätzt, Zürich 2019

https://www.e-rara.ch/bau_1/content/titleinfo/22369870

https://www.fpre.ch/de/produkte/immobilien-preisindizes/

https://www.iazicifi.ch/produkt/swx-iazi-indizes/?parents=535,106

https://statistik.zh.ch/internet/justiz_inneres/statistik/de/daten/daten_immobilien_raum/immomarkt.html#aktuelles

https://www.wuestpartner.com/daten/indizes

 

Bildnachweis:

 

Protokoll der Bundesversammlung, NR (ordentliche Frühjahrssession), 14. März 1956, S. 403 ff.; Paul Steinmann, SP-Nationalrat aus dem Kanton Zürich.

 

 

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