Fischen im Trüben: vom Kaffeesatzlesen und epochalen Wirtschaftseinbrüchen

​Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, in denen Konjunkturauguren über das nachgeschobene Feintuning ihrer Konjunkturprognosen berichtigten? Da das unerwartete Ereignis X zu einer Eintrübung der Konjunktur führen dürfte, sahen sie sich, die Experten, veranlasst, ihre ursprüngliche Prognose für das Jahr Y von 1.7% auf 1.4% zu korrigieren. «Müssen wir nun darben», fragten sich Wirtschaftspessimisten. Tempi passati! Die Corona-Krise setzt bei Konjunkturexperten und nicht nur bei ihnen neue Massstäbe. Sie werden richtig mutig. Ihre Fantasie wird beflügelt. Sie packen den Zweihänder aus und malen mehr oder weniger düstere Wirtschaftsszenarien an die Wand. Statt sich Zeit für eine solide Analyse des «Undenkbaren» zu nehmen, schiessen fast täglich neue Spekulationen ins Kraut. Besonders heiss diskutiert werden die möglichen absehbaren konjunkturellen Verläufe: «V», «U», «L» oder gar ein «W», das sei hier die Frage, vielleicht.

 

Zugegeben: Vorlesungen über Makroökonomie bei Prof. Dr. M. Gärtner an der HSG zählten vor fast 30 Jahren nicht zu meinen Lieblingsthemen. Das IS-LM-Modell vermochte mich nie aus der Reserve zu locken. Bei meiner späteren Arbeit als Volkswirt verfolgte ich bei der Interpretation von Prognosen zum volkswirtschaftlichen Datenkranz drei Grundsätze: Nicht die Höhe des prognostizierten Wertes ist erstens entscheidend, sondern das Antizipieren des korrekten Vorzeichens. Zweitens ging es mir vor allem darum, Richtungsänderungen von Trends auf den richtigen Zeitpunkt zu prognostizieren (Stichwort: Wendestellen). Und drittens sollte man sich immer daran erinnern, dass die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – auch in Schönwetterzeiten – weit davon entfernt ist, wirtschaftliche Realitäten zeitnah und adäquat abzubilden. Zu viele Inputs bei der Bestimmung des realen oder nominalen Bruttoinlandproduktes sind modelliert, geschätzt oder hochgerechnet. Als Aggregat besitzen die resultierenden Prognosen systemimmanent eine erhebliche Unschärfe. Kommt hinzu, dass sich im Zeitverlauf die Standards ändern, wie solche hochverdichteten Aggregate «richtig» herzuleiten sind.

 

Ein erstes Fazit ist so simpel wie unaufgeregt: volkswirtschaftliche Prognosen sollten zwingend mit einer maximalen Grosszügigkeit, aber richtig interpretiert werden. Weder ist dabei die Goldwaage gefragt, noch ein Deuteln von Scheingenauigkeiten. Alles andere ist Augenwischerei. Vielmehr sollten die Eckwerte und die Annahmen der Konjunkturprognose im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) merkt dazu das Folgende an: «Die Prognoseunsicherheit ist zurzeit aussergewöhnlich hoch.»

 

Schauen wir uns zur wirtschaftshistorischen Einordnung der Corona-Krise die tatsächlichen negativen Extremwerte bei der aggregierten Wirtschaftsleistung – gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) – für die Schweizer Volkswirtschaft von 1900 bis in die jüngste Gegenwart an. Mit dem Massstab des BIP und dessen Veränderung werden – vereinfachend gesagt – das Niveau und der Verlauf der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung gemessen. Es präsentiert sich das folgende Bild:

 

Tabelle 1: Extremwerte der jährlichen BIP-Veränderungsraten, hier absteigend sortiert nach den realen Veränderungsraten (erste Spalte von rechts)

Tabelle 2: Extremwerte der jährlichen BIP-Veränderungsraten, hier absteigend sortiert nach den nominalen Veränderungsraten (zweite Spalte von rechts)

Das Wichtigste aus den beiden Tabellen besteht darin, dass zwischen realen und nominalen Veränderungen zu unterscheiden ist. Wächst beispielsweise die jährliche Wirtschaftsleistung um 10%, aber im gleichen Zeitraum wird eine Inflation von 10% registriert, beträgt das reale Wachstum dieser Volkswirtschaft 0%. Sie stagniert im fraglichen Jahr. Die vorrangige Betrachtungsweise ist die reale. Folglich ist es unerlässlich, dass jede BIP-Prognose eine explizite Inflationsprognose beinhaltet. Oder anders formuliert: Schiessen jetzt Schätzungen von quantifizierten Wirtschaftsrückgängen ins Kraut, ist immer klar zu deklarieren, ob sie real oder nominal zu verstehen sind und welche Inflationsannahme dabei getroffen wurde. Ohne diese Deklaration werden die Schätzungen beliebig.

 

Der grosse Bogen über rund 120 Jahre Schweizer Wirtschaftsgeschichte bringt es an den Tag: Die historischen Höchstwerte pro Jahr von einer schrumpfenden Volkswirtschaft bewegen sich zwischen -5% und -7% des realen BIP. Mehr ging bisher nicht. Am 7. April 2020 publizierte das Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich vier volkswirtschaftliche Szenarien über die möglichen negativen Wirtschaftseffekte. Im «schärferen» Szenario rechnen die Konjunkturforscher für die Ausnahmesituation zwischen März und Juni 2020 mit einem Ausfall der Wertschöpfung von 35 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Das entspricht 5.3% des gesamten hiesigen Bruttoinlandprodukts für das Jahr 2016 (nur für dieses Jahr liegen bisher offizielle und definitive Zahlen vor). Für den 27. August 2020 ist eine offizielle Meldung des SECO zum Wirtschaftsverlauf des 2. Quartals 2020 geplant. Auf die dereinst präsentierte Schätzung darf man schon heute gespannt sein. Dass aber die Schweizer Volkswirtschaft im Jahr 2020 real nicht wachsen, sondern schrumpfen wird, ist bereits eine ausgemachte Sache.

 

Es bleibt nur die Frage, wie stark der Rückgang der Wirtschaftsleistung gemessen am BIP sein wird. Verlässliche Antworten darauf dürften wir im Laufe des 1. Quartals 2021 erhalten. Beim Vorzeichen besteht selbstredend kein Raum mehr für eine Überraschung. Damit die Corona-Krise auf Jahresbasis gemessen zu einem Konjunktureinbruch mit «historischem» Ausmass in die Annalen der Geschichte eingeht, müsste der reale Wirtschaftseinbruch über das ganze Jahr – gemessen am Rückgang des BIP – mindestens -5% betragen. Nimmt man das nach wie vor geschätzte Schweizer BIP für das Jahr 2018 (es liegt bei rund 690 Milliarden Franken) als Massgabe, wäre ein krisenbedingtes Schrumpfen der Jahreswirtschaftsleistung von real rund 35 Milliarden notwendig. Will man darauf eine prospektive und robuste Antwort geben, bewegt man sich zurzeit im Reich der schieren Spekulation. Erst die wirtschaftliche Realität der kommenden Monate wird die Basis für robuste Antworten dazu liefern können. Im Influenza-Pandemieplan Schweiz findet sich gleichwohl die folgenden kursorischen Aussagen dazu: «Die Resultate verschiedener Studien deuten darauf hin, dass die Abnahme des BIP zwischen 0 % und 6 % variiert. Die höheren Zahlen bewegen sich in der Grössenordnung der Rezessionen, die seit 1945 aufgetreten sind, während die niedrigeren Werte unter der Schwelle liegen, ab der von einer Rezession gesprochen wird. Gemäss Bundesamt für Bevölkerungsschutz entspricht eine Pandemie mit starken Auswirkungen einer erwarteten Schadenssumme im tiefen zweistelligen Milliardenbereich». (Pandemieplan BAG, S. 106).

 

Was ist die Moral von der Geschichte? Aus strategischer Sicht sind für die «Volkswirtschaft Schweiz» sowohl die Höhe als auch der zeitliche Verlauf der konjunkturellen Delle absolut sekundär. Es ist wie es ist. Oder anders formuliert: Wer «A» sagt, muss auch «B» sagen. Für ein Zurück oder für das Verfolgen einer alternativen Strategie ist es allemal zu spät. Gut möglich, dass das SECO bzw. der Bundesrat dereinst die Lehren aus der Corona-Krise ziehen wird, und analog einem gesundheitlichen Pandemie-Plan ein Drehbuch für das idealtypische wirtschaftliche Abwettern einer solchen ausserordentlichen Lage entwickeln wird. Neben der unmittelbaren Schadensbegrenzung einerseits und dem Vermeiden von Kollateralschäden andererseits sollte das Hauptaugenmerk den durch die Krise ausgelösten oder intensivierten strukturellen Veränderungen gelten. Sie prägen die wirtschaftlichen sowie finanz-, fiskal- und geldpolitischen Rahmenbedingungen von morgen mit. Das gilt für alle Akteure. Denn der immerwährende wirtschaftliche Strukturwandel erfährt in diesen Tagen eine Beschleunigung in unerwartetem Masse. Die Krise wirkt im übertragenen Sinn förmlich als Katalysator. Einmal mehr bringt die Metapher der «schöpferischen Zerstörung» nach Joseph Schumpeter (1883-1950) das aktuelle Geschehen auf den Punkt. Jede Krise bringt auch Chancen, so lautet die mit ihr verbundene Botschaft. Nicht das absehbare Überwinden der Schockstarre interessiert findige Unternehmen und Unternehmer in diesen besonders anspruchsvollen Zeiten, sondern die Gestaltung der Welt nach dem Ende der Krise.

 

Zum Schluss noch dies: Bau- und Immobilienmärkte sind sogenannte Spätzykliker. Sie reagieren auf exogene Schocks oder konjunkturelle Impulse oder Abschwünge mit einer zeitlichen Verzögerung. Zumindest lässt sich dieses spezifische Muster für vergangene «Störungen» nachweisen. Bei der Ölpreiskrise vom Herbst 1973 schossen die Preise für fossile Energieträger in die Höhe. Innerhalb eines Jahres erhöhte sich der Preis pro Barrel (entspricht 159 Liter) von 3 auf 12 Dollar. Das BIP von 1975 der Schweiz brach real um -6.7% ein. Die hiesige Wohnbautätigkeit erreichte 1973 ihren Höhepunkt. Damals wurden knapp 82'000 (!) Wohneinheiten fertiggestellt. Die Neubautätigkeit brach in der Folge dramatisch ein. Die Talfahrt endete erst 1977. Die Anzahl der neu gebauten Wohnungen lag im fraglichen Jahr um sagenhafte 60% unter dem Niveau von 1973. Dasselbe Muster lässt sich auch für die Wohnbautätigkeit im Kielwasser der Weltwirtschaftskrise in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre nachweisen (vgl. Titelbild des Blogs). Die Angebotsmieten ihrerseits – als Indikator aus dem Nutzermarkt – korrigierten in der neuralgischen Phase zweimal nach unten: Im zweiten Halbjahr 1973 verlor der nationale Mietpreisindex knapp -5%. Im Jahr 1975 stellte sich ein weiterer Rückgang im Ausmass von rund -4% ein. Die Angebotspreise für zum Verkauf stehende Einfamilienhäuser bildeten sich zwischen Ende 1973 und Ende 1976 nominal um -19% zurück. Die Botschaft ist auch hier einfach gestrickt: Wie die hiesigen Bau- und Immobilienmärkte – natürlich räumlich und sektoriell differenziert betrachtet – die Corona-Krise durchlaufen dürften bzw. diese gemeistert haben werden, wissen wir frühestens in zwei Jahren. Solange gilt die Arbeitshypothese, dass das knüppeldicke Ende erst noch zeitverzögert vor der Türe steht. Une histoire à suivre...   

 

 

Quellen:

 

Bundesamt für Statistik: T 9.4.3.2 Neuerstellte Gebäude und Wohnungen nach Kantonen 1969-2002

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/pandemievorbereitung/pandemieplan.html

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lpreiskrise

https://dievolkswirtschaft.ch/content/uploads/2010/01/05D_Zuercher.pdf

https://files.stlouisfed.org/files/htdocs/publications/review/00/05/05fa.pdf

https://hsso.ch/de/2012/q/12

https://kof.ethz.ch/news-und-veranstaltungen/medien/medienmitteilungen/2020/04/coronavirus-kostet-die-schweizer-volkswirtschaft-bis-zu-36-milliarden-franken.html

https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/wirtschaftslage---wirtschaftspolitik/Wirtschaftslage/bip-quartalsschaetzungen-.html

https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/wirtschaftslage---wirtschaftspolitik/Wirtschaftslage/konjunkturprognosen.html

https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/volkswirtschaft/volkswirtschaftliche-gesamtrechnung/bruttoinlandprodukt.html

https://www.wuestpartner.com/online_services_classic/immobilienindizes/angebotspreisindex/index.phtml

 

Bildnachweis:

 

Herausgegeben vom Delegierten für Arbeitsbeschaffung, Schriftenreihe zur Frage der Arbeitsbeschaffung, Volkswirtschaftliche Reihe Nr. 1, Arbeitsbeschaffung in der Kriegs- und Nachkriegszeit, Zürich 1942, S. 20.

Please reload